Warum zu früher Sport nach der Schwangerschaft nicht gut ist.

Wir leben in einer Zeit wo alles schneller, größer, kleiner, schöner, glatter-  einfach besser sein muss. Schon in der Grundschule werden Kinder so getrimmt, in einer gestressten Gesellschaft zu bestehen und überleben zu können. Sie wachsen auf  zwischen Vergleichen und Leistungsstress, Schwäche und Stärke. Sie müssen in allen Lebenssituationen die Besten sein, ohne Rücksicht auf Verluste. Frühförderung, Musik, Sport füllen den Kalender der kleinen Menschen aus, die oft kaum mehr wissen, was ein freier Nachmittag und Langeweile bedeutet.

Diese erschreckende Tatsache zieht sich wie ein roter Faden durchs ganze Leben. Aber warum greife ich dieses Thema hier auf? Warum beschäftigt mich dieses Thema ausgerechnet im Rahmen von „Gemeinsam durch dick und dünn“?

Wer kennt das nicht?

Auch während der Schwangerschaft muss der Bauch größer, kleiner und schöner als die anderen Bäuche sein. Die Eine präsentiert den gestählten Schwangerschaftsbauch mit einem Sixpack, den manche nicht einmal ohne Baby im Bauch bekommen, die Andere präsentiert einen kugelrunden Bauch und egal welche Form, sie ist falsch und wird kritisch beäugt. Kommt das Baby auf die Welt muss das Baby schwer, leicht, groß, klein sein- perfekt halt. Die Geburt muss schnell und schmerzlos sein- um ja keine Schwäche zu zeigen! Wer Schwäche zeigt, wird mit einer Mischung aus Mitleid, Genugtuung und falschem Stolz angeschaut.  Dass hinter einer langen, verzögerten Geburt oft genau dieser Stress Schuld ist, wird ignoriert.

Und dann, ja dann muss der Körper am Besten gestern straff, gestählt, ohne Streifen sein und uuuuh…schon gar nicht sollte da überschüssige Haut sein. Die Bauchmuskeln müssen sich am Tag eins wieder abzeichnen können und wenn das nicht so ist, geht die Welt unter. Wenn es so ist, wird mit dem Körper im Internet geprahlt, wie wenn man sein Fleisch gerade auf einem argentinischen Rindermarkt präsentiert. Man erfreut sich an dem Neid der anderen Mütter und prahlt, dass man bereits eine Woche nach der Geburt mit dem Sport begonnen hat, weil der Körper ja sofort wieder so funktionieren und aussehen muss, wie davor. Oder wie noch nie. Egal, eine Schwangerschaft darf man nicht sehen. Denn alle die neuen Promi- Mütter machen es uns doch genauso vor? Ana Ivanovic, die Frau an Bastian Schweinsteigers Seite. Profisportlerin und Frischmama, schwingt sich eine Woche nach der Geburt in ihre Yogaklamotten und führt Yogapositionen durch, die schon beim Zusehen überfordernd sind. Georgina Rodriequez, die Frau an Christiano Ronaldo präsentiert wenige Tage nach der Geburt auf ihrer Internetseite ein Video, stehend auf dem Pezziball. Der Bauch in dem Moment deutlich überfordert- aber egal: Hauptsache man sieht die Schwangerschaftt nicht an und zeigt der Welt, dass man gleich wieder fit ist.

Das ist der Moment, wo ich so laut ich kann „STOPP“ schreie. Manche nehmen mein hysterisches Geschrei an, manche nicht. Zwingen kann ich niemanden.

Betrachte wir mal die Meisterleistung des Körpers nach der Geburt, die von viele unterschätzt wird. Hormonell stellt sich der Körper in Sekunde eins um. Sobald die Plazenta geboren ist, kommt es bei der jungen Mutter zum schnellen Absinken des Hormonspiegels, der von der Plazenta produzierten Hormone (Östrogene, Progesteron, HCG, usw.) und genau dieser Hormonabfall ist der Auslöser für die Rückbildungsvorgänge. Ab jetzt werden andere Hormone gebildet, wie z.B. das Prolaktin und Oxytocin. Sie steigern die Kontraktionskraft an der Gebärmutter­muskulatur und helfen somit bei der Rückbildung. Bis die Gebärmutter wieder die ursprüngliche Größe von vor der Schwangerschaft erreicht hat, dauert es etwa sechs Wochen. Der Uterus hat sich dann von etwa 30cm und 1000g auf 6-7cm und 60g reduziert. Das Hormon Relaxin wird während der Schwangerschaft ausgeschüttet, um Bindegewebsstrukturen im Körper flexibler zu machen, so können zum Beispiel die Mutterbänder auf das Wachstum der Gebärmutter besser reagieren und nachgeben. Aber auch die übrigen Bänder und Strukturen (Muskulatur, Haut, …) im Körper sprechen auf das Relaxin an, was den gesamten Körper beweglicher, aber auch labiler macht und diese Wirkung hält nach der Geburt noch einige  Monate an. Wer dazu noch stillt hält den Relaxinlevel sogar noch länger auf einem höheren Niveau. Dies sorgt für eine geringere Belastbarkeit und gerade druckerhöhende Sportarten (Joggen, Pilates, Zumba (high impact areobic), Gewichteheben,…) beanspruchen dabei den Körper zu stark, sodass dieser schnell überfordert ist. Das Resultat ist anstatt einem gestählten, glatten Körper, Senkungen, unkontrollierter Urinverlust und/oder eine überdehnte, instabile Bauchsilhouette. Dies muss übrigens nicht sofort eintreten, sondern kann auch erst Monate bis Jahre später als plötzliches, Lebens einschränkende Symptom entstehen. Nicht selten schreiben mich Mütter an und fragen mich, warum sie plötzlich nicht mehr Trampolin springen können, wo doch nach der Geburt alles so toll war.

Forscher gehen davon aus, dass das Spätwochenbett etwa solange andauert, bis der erste Eisprung eingetreten ist, oft aber noch länger. Als Orientierung: Der erste Eisprung findet meist etwa sechs bis sieben Monate nach der Geburt statt. Erst dann ist der Körper überhaupt stabil genug, belastende Sportarten abzufedern. Teilweise sogar dann noch nicht. Ich persönlich hätte mir im Leben nicht vorstellen können, sechs Monate nach der Geburt meines zweiten Sohnes, in die Laufschuhe zu springen.

Wieso beginnt man also vorher mit Sportarten, die den Körper eher schwächen? Wieso ist es wichtig paar Tage nach der Geburt gleich im Internet mit seinem Körper zu prahlen? Wieso kann man nicht einfach Mama sein?

Es ist schade, dass man sich in der heutigen Gesellschaft nur noch durch vermeintliche Schönheit definiert.

Mein persönlicher Fahrplan für jede Mama:

Woche 1- 4 nach der Geburt. Wochenbettgymnastik. Das heisst: Sanftes Hinführen in den Alltag. Die tiefe Bauchatmung einüben und langsam den Beckenboden wahrnehmen. Korrekte Alltagsbewegungen einüben.

Woche 4 – 12 nach der Geburt. Abhängig vom Allgemeinzustand und Geburtsform. Den Körperkern zurück bilden. Sanft und korrekt.

Woche 12 – 6 Monate nach der Geburt: Sanfte, bewusste  Sportarten, wie Fitness ohne Gewichten, schwimmen etc.

Ab 6 Monate nach der Geburt: Fordernde Sportarten probieren und dann eruieren:

  • Hatte und habe ich irgendwo Schmerzen?
  • Wie hat mein Körperkern auf die Belastung reagiert? Wie fühle ich mich jetzt?
  • Wie fühlt sich mein Beckenboden an? Schwammig? Drückt er nach unten? Fremdkörpergefühl?
  • Habe ich Urin/Stuhl verloren?
  • Konnte mein Körper die ganze Zeit die Belastung standhalten?
  • Wie verhält sich meine Bauchdecke während dem Sport? Wölbt sie sich?

Sollten sich eines oder mehrere der oben genannte Symptome eingestellt haben, ist es zu früh für jeglichen fordernden Sport und man sollte tunlichst darauf achten, den Körperkern zu stabilisieren.

Meine abschliessende Worte: Bevor der Gedanke zu Yoga, Fitness, Gewichten, Pilates und Co schwenkt, sollte vorher unbedingt der Körper von innen stabilisiert werden. Es ist für mich unbegreiflich, dass so viele Frauen in der Öffentlichkeit so ein schlechtes Vorbild geben. Ich hatte kürzlich Kontakt zu einer weiteren Dame der Öffentlichkeit, die wenige Wochen nach der Geburt bedenkliche Yogapositionen durchführte. Mein vorsichtiger Tipp wurde beantwortet mit: Mein Arzt hat gesagt, dass alles ok ist. Und da sind wir bei einem weiteren Problem angekommen. Der Arzt sagt sechs Wochen nach der Geburt lediglich, dass die Gebärmutter gut zurück gebildet ist, nicht aber wie fit der Beckenboden und die restliche Bauchkapsel ist.

Darum. Passt auf euren Körper auf. Sechs Wochen nach der Geburt ist mit Sicherheit zu früh, für den geschwächten Körper.

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