Ich brauche keine Rückbildung, wirklich?

Die Freude ist groß, wenn das Baby endlich auf der Welt ist. Wenn sich nach der stressigen Eingewöhnungs.- und Kennenlernzeit alles beruhigt hat (ok, es wird sich nie alles beruhigen- aber das lassen wir jetzt außen vor) beginnt der Alltag und die ernüchternde Erkenntnis, dass nichts so ist wie vor dem Baby.

Die VIER größten Irrgauben nach der Geburt

Die Wäschetürme werden nicht weniger, der Staub saugt sich nicht von alleine weg und generell ist alles doof. Der Bauch schwabbelt, die Hosen passen nicht mehr und die letzten verflixten fünf Kilo wollen einfach nicht purzeln. Und das, wo sich doch Kate Middleton am Tag der Geburt wie aus dem Ei gepellt der neugierigen Masse stellt (es waren übrigens nicht einmal zehn Stunden nach der Geburt) und Heidi Klum keine zwei Monate nach der (gefühlten) 10. Geburt auf dem „Victoria Secret Catwalk“ mitläuft, mit einem gestählten Bauch, den manch Erdenbürger nicht einmal vor der Schwangerschaft hat. Die Frauenmagazine feiern täglich die purzelnden Pfunde der Stars und Sternchen- klar bekommt man dann den Eindruck, der eigene Körper könnte genauso rasch wieder den früheren Zustand erreichen.

Was dann passiert nennt sich der „postnatale Fitnesswahn“. Oder: ganz einfach Stress!

  1. Irrglaube – „Es ist alles gut zurück gebildet“:
    Etwa sechs Wochen nach der Geburt beordert dich der Frauenarzt zur Nachkontrolle in seine Praxis. Bei dieser Untersuchung wird in erster Linie kontrolliert, wie gut sich deine Gebärmutter zurück gebildet hat, er kontrolliert etwaige Geburtsverletzungen und greift Unsicherheiten auf. Selten wird hier der Beckenboden kontrolliert. Wenn also der Frauenarzt irgendwas sagt wie „es ist alles gut zurück gebildet“ heißt das nicht, dass dein Beckenboden zurück gebildet ist. Wenn man bedenkt, dass das Spätwochenbett bis sechs (wenn nicht sogar sieben) Monate nach der Geburt geht, kann der Beckenboden sechs Wochen nach der Geburt noch nicht „zurück gebildet“ sein.

    Viele Mamas sehen das jetzt als Freigabe für jeglichen Sport.

    Ja! Sport ist gesund, und Sport ist auch zu empfehlen- aber sicher noch nicht sechs Wochen nach der Geburt. Die ersten drei Monate dienen ausschließlich der Rückbildung, mit dem einzigen Ziel zurück zu sich selbst zu finden – also dem Körper, der ca neun Monate in einem (wunderbaren) Ausnahmezustand war, die Zeit zu geben den Körper von innen zu stabilisieren.

    Wenn man nun auf den noch weichen und verletzlichen Körper trainiert, geht man die Gefahr ein, vor allem, den Beckenboden massiv zu schwächen, durch den intraabdominellen Druck der zwangsläufig entsteht und nach unten schiebt.

    Achtung: Oft entstehen die Probleme erst Jahre später als „so genannte“ Spätfolgen.

    Das heißt für dich also: 12 Wochen solltest du deinem Körper die Zeit lassen, sich zu adaptieren und ausschließlich Beckenbodenübungen machen. Übrigens: Auch Fitnessangebote die vor der 12. Woche nach der Schwangerschaft angeboten werden, sind deutlich zu früh angesetzt.

  2. Irrglaube- „Mir geht es gut, ich brauche keine Rückbildungsgymnastik“:
    Du hattest eine wunderbare Geburt und fühlst dich bereit am nächsten Tag schon so als könntest du einen Zehnkampf bewältigen und gleichzeitig mindestens zwanzig Pferde in die Höhe stemmen? Gratuliere- und genieße es. Mehr aber auch nicht.

    Die Schwangerschaft ist eine immense Umstellung. Durch die Hormone Progesteron und Relaxin wird alles im Körper weicher und dehnbarer damit das Baby im Endeffekt auch aus dem weiblichen Becken hinaus kommt. Der entstehende Druck, sowie das stetig wachsende Gewicht im Bauchraum, wirkt sich über die gesamten neun Monate auf den Beckenboden aus. Nicht selten entstehen leichte Stressinkontinenz-Probleme, ebenso wie Beckenring – Probleme (Schmerzen am Schambein und im ISG Bereich)

    Viele Frauen unterschätzen die Gewalt der Natur in diesem Moment.

    In vielen Ländern, werden die Frauen automatisch nach der Geburt zur Rückbildungsgymnastik geschickt. Während der Geburt senkt sich der Beckenboden nämlich bis 14cm nach unten (Quelle: Tanzberger), das ist eine immense Belastung. Überdehnung, Schwächung und der Verlust des Bauchkapselgefühls sind das Resultat.

    Spätestens jetzt sollte also klar sein, warum eine Rückbildungsgymnastik durchaus bei jeder Gebärenden Sinn macht.

    Oft werde ich gefragt, wie lange man nun den Beckenboden trainieren sollte. Ein weiser Frauenarzt meinte zu mir: Ein Leben lang!

    Achtung: Auch Kaiserschnittgeburten gehen nicht spurlos an der Bauchkapsel vorbei. Die Schwangerschaft bringt das Bauchkapselystem durcheinander (Zwerchfell, Beckenboden, Bauchdecke, Rücken) und es benötigt Verständnis, Alignement (Zusammenspiel) und Gefühl den Körper wieder in Lot zu bringen.

    In vielen Ländern (auch in Österreich, sofern man zu einer Physiotherapeut/in geht) kann man die Kosten einer Rückbildung bei der Krankenkasse einreichen.

  3. Irrglaube – „Hardcore Bauchmuskeltraining beseitigt alle Probleme“:
    Der Bauch sieht Monate nach der Geburt immer noch so aus, wie im fünften Monat schwanger. Häufig ist der Grund ganz banal und einfach zu erklären. Fakt ist: Das Problem gehört behandelt- sicherlich aber nicht durch einseitiges Power- Bauchmuskeltraining.

    Meistens verschlimmert sich das „Problem“ nämlich noch mehr und der Blick in den Spiegel wird jedes Mal zu einer Frustpartie, der Sommer am Strand wird abgesagt und die nächste Diät wird gestartet.

    Aber warum ist der Bauch nun so groß und warum verkleinert er sich nicht, trotz Kohlenhydrat- Fett- Zucker- FdH Diät und „Powergymnastik“? Der Grund ist die Rektusdiastase ( siehe meine Videos auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=kBY9_IyySHY ) – der Spalt zwischen den beiden Rektusbäuchen, der durch die Raumverdrängung des Babys entsteht. Bilden sich die Rektusbäuche nicht von alleine zurück, bleibt der Spalt nach der Geburt bestehen und das ist aus vielerlei Hinsicht eine massive Schwächung für den gesamten Körper (siehe Videos auf Youtube). Vorallem aber ist dieser Spalt (Diastase) der Grund für die Vorwölbung deines Bauches.

    Das Schlimmste was du jetzt machen kannst ist ein „Situp/Crunch Hardcore Training“. Situps erweitern den Spalt eher noch mehr und machen den Bauch dadurch also noch größer.

    (Notiz am Rande: Zudem ist es ziemlich unphysiologisch/unlogisch den Bauch in die Beuge zu trainieren, wo wir Menschen doch sowieso alle viel zu verkürzt sind.)

    Wie bekomme ich den Spalt dann weg?? Neuste Studien sagen, dass der Spalt nicht das größte Problem ist, sondern eher die Beschaffenheit der Bindegewebsplatte in der Mitte. Ziel ist es also in erster Linie die Körpermitte (den Kern) zu stabilisieren (https://www.youtube.com/watch?v=llOKkSz-A6M)

    Das Alignment zwischen Atmung, Beckenboden und die tiefe Bauchmuskelschicht sind hier im Fokus. Idealer Weise schieben sich die beiden Rektusbäuche dann auch zusammen.

  4. Irrglaube – „Schräge Bauchmuskeltraining verringert den Spalt“:
    Wenn man einen Rektusdiastase hat, muss man nur die schrägen Bauchmuskeln trainieren, dann schließt sich der Spalt automatisch. Dieses Gerücht hält sich so penetrant, wie ein Lausnisse in den Haaren der Menschen. Theoretisch irgendwie auch plausible, wenn man sich mit der Anatomie nicht genau befasst. Wenn man sich aber den Sobotta (Anm.: Atlas der Anatomie) herholt und mal die Funktion der beiden Obliquen (schrägen Bauchmuskeln) betrachtet, können diese nicht den Spalt verkleinern- Sondern sie zeihen, durch den Zug der Fasern, den Spalt eher noch mehr in die Breite!

    Das heißt für dich also: Mach keine schrägen Bauchmuskelübungen, wenn du eine Rektusdiastase hast. Diese vergrößern den Spalt nur noch mehr. Auch wenn es dir in der Rückbildung empfohlen wurde.

Zusammenfassend ist also zu sagen:

Gib deinem Körper die Zeit, die er braucht um sich ZURÜCK zu bilden. Mediale Vorbilder sind für die Katz und verunsichern nur. Es ist nicht alles gold, was glänzt- gerade nach der Schwangerschaft sollte man behutsam auswählen, welche Sportart „gut ist“ und „welche Sportart schadend ist“ . Im Vordergrund steht die eigene Gesundheit- es ist nicht Sinn führend, wegen dem Bild der perfekten Mama, den uns die Medien vorgeben (oder den Druck, den man sich selber macht), Spätfolgen (wie Senkungen, Inkontinenz, …) zu riskieren.

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