Fünf Mythen über den Beckenboden

Langsam wird unser Bewusstsein hinsichtlich der Beckenbodengesundheit geschärft. Die Körpermitte ist kein absolutes Tabuthema mehr (wobei durchaus noch Luft nach oben ist). Das Internet und die sozialen Medien ermöglichen es, mehr Menschen mit Weisheiten, Tipps und Co zu erreichen. Oft werden aber auch Unwahrheiten und falsche Tipps weitergegeben, die unter Umständen zum Gegenteil führen können.

Mit diesem Beitrag versuche ich ein bisschen aufzuräumen.

„Du bist schwanger. Mach auf gar keinen Fall Beckenbodenübungen, du wirst dein Baby sonst nie rausbringen!“

Dies wird, wie ich erfahren habe, noch tatsächlich fälschlicher Weise so gelehrt. Genau das Gegenteil ist aber der Fall: Frauen die ein gutes Gespür für ihren Beckenboden haben, wissen während der Geburt, wohin sie schieben und wo sie entspannen müssen. Zudem bildet sich ein gut durchbluteter Beckenboden schneller und besser zurück. Also spürt und aktiviert ruhig euren Beckenboden während der Schwangerschaft  (und nicht nur das, auch den queren Bauchmuskel solltet ihr konsequent aktivieren, das ermöglicht eine rasche Bauchrückbildung!)

„Ich habe ein Kind geboren, da ist es doch normal, Urin zu verlieren!“

Ein Satz, den ich häufig lese und höre und wisst ihr was? Das ist schlichtweg „falsch“.  Ja, nahezu ein Drittel (aller Gebärenden) hat in den ersten Monaten nach der Geburt, mehr, oder weniger mit irgendeiner Form der Inkontinenz zu tun. Das heisst aber nicht, dass das ein Dauerzustand sein muss. Niemand muss Urin verlieren, nur weil er geboren hat. Wer Beckenbodenschwächen aufweist, sollte mit korrekten, rückbildenden Maßnahmen, die überdehnten Strukturen wieder stabilisieren, so dass sie die Funktion ‚Kontinenzsicherung‘ wieder aufnehmen können. D.h man geht auf Ursachenforschung: Wie bewegt man sich im Alltag? Sind die Bauchmuskeln noch zu überdehnt und Mitgrund der Inkontinenz? Wie ist die Haltung?

Den Zustand einfach hin zunehmen, ist falsch. Agieren und üben!

„Du hattest einen Kaiserschnitt, da braucht man keine Rückbildung machen. Der Beckenboden wurde ja eh nicht belastet!“

Auch eine häufige Aussage, oder Annahme. Wenn man aber überlegt, was der Körper neun Monate geleistet hat, erkennt man dann doch hoffentlich die Notwendigkeit einer Rückbildung! Er hat ein Baby wachsen lassen und demnach auch getragen. Die gesamte Bauchkapsel wurde also überdehnt. Nach vorne, nach oben und auch nach unten. Die Bauchorgane wurden von der wachsenden Gebärmutter verdrängt, die Bauchmuskeln haben sich um 15 bis 20cm verlängert, um Platz für das Kind zu schaffen. Stabilisierende Bänder haben ein Vielfaches an Länge zugelegt und der Beckenboden musste das wachsende Gewicht abfangen.  Immer noch der Meinung, dass man keine Rückbildungsgymnastik besuchen muss, weil der Beckenboden nicht belastet wurde?

“Ich geh nicht zur Rückbildungsgymnastik. Ich trainiere meinen Beckenboden lieber mit Gewichen, die gibts ganz billig im Drogeriemarkt!“

Sobald man schwanger ist, wird neben Schwangerschaftstests, Babyklamotten und Windeln, ein anderes Produkt sehr gut beworben. Die Beckenbodenkugeln. Es gibt sie in unterschiedliches Ausführungen, Farben und Preisklassen. Alle haben aber das gleiche Ziel: den Beckenboden zu trainieren, indem man mehrmals täglich die Tampon ähnlichen Kugeln in die Scheide einführt und den Beckenboden über mehrere Minuten „daueranspannt“. Ziel sollte sein, dass die Gewichte nicht raus flutschen. Nun stellt sich die Frage: Trainiert man damit echt den Beckenboden? Wir wissen ja hoffentlich mittlerweile alle, dass der Beckenboden ein dynamisches Muskelgeflecht ist, das sich mit der Atmung auf- und absenkt. Ebenso wie er im Wechsel aktiviert und entspannt ist. Heisst: Die Beckenbodenmuskulatur ist nicht dafür gemacht, über mehrere Minuten (!)  in der Maximalspannung zu sein (Anmerkung: Man soll, laut Anleitung, das Gewicht der Kugeln so wählen, dass man sie gerade noch so halten kann). Häufig berichten Frauen, dass sie über mehrere Wochen geübt haben, die Symptome aber fast schlimmer wurden. Ja, no na! Wenn ich meinen Bizeps 15 Minuten täglich dazu bringe, so viel zu tragen, wie er grad noch schafft, erreiche ich damit nicht Muskelaufbau, sondern lediglich Übermüdung. Übertragen auf die Beckenbodenkugeln heisst das: Nach besagten 15 Minuten Training ist der Beckenboden schlapp, müde, überfordert und senkt sich womöglich zusätzlich ab. Damit baue ich also keine Kraft auf, sondern fördere eher den Kollaps. Einmalig, um den Beckenboden aktiv zu spüren, kann man diese Gewichte mal hernehmen. Öfter und über mehrere Minuten hinweg aber definitiv nicht.

 „Meine Mutter meinte, ich soll als Training einfach den Urinstrahl anhalten!“

Der Klassiker. Leider wird dieser Tipp auch noch von Fachkräften gegeben. Er ist aber schlichtweg falsch. Die sogenannte „Pipi-Stopp“-Übung, bringt nur das perfekt aufeinander abgestimmte System durcheinander. Blase und Gehirn arbeiten beim Klogehen über das vegetative Nervensystem (unwillentlich gesteuert), zusammen. An der Blase wird mittels Rezeptoren der Füllstand gemessen und dieser wird an das Gehirn gemeldet. Man spürt also, dass man aufs Klo muss. Jetzt übernimmt kurz das willentlich gesteuerte System und schließt die Harnröhre, bis wir auf der Toilette sind, um dort dann der Beckenbodenmuskulatur ‚öffne dich‘ zu melden. Die Harnröhre ist weit, der Beckenboden entspannt und die Blase zieht sich zusammen. Der Blase kann ich nun aber nicht befehlen, dass sie stoppen soll. Gestoppt wird lediglich das Wasserlassen- also über die willentlich angespannten Muskeln: den Beckenboden (Schließmuskel). Die Blase entspannt sich erst später. Durch die Pipi-Stopp-Übung stört und verwirrt man dieses System. Es kann dazu kommen, dass u.a.Restharn in der Blase bleibt, was die Gefahr für Blasenentzündung erhöht. Bedeutet: Macht diese ‚Übung‘ nicht!

Wie man sieht, gibt es doch genug Märe, die verbreitet werden. Ahnungslose Mamas führen dann aber genau diese Empfehlungen durch und schaden dem angreifbaren Körper noch mehr.

Ich hoffe ich konnte mit dem Beitrag paar Unklarheiten bereinigen.

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