Die unerkannte Gefahr…

Auch immer Dauerbrenner. Diese Fragen erhalte ich fast wöchentlich:

  • Was halte ich vom Türhopser?
  • Was halte ich von Gehfreis?

Also habe ich es mir zu Herzen genommen und mal exzessiv recherchiert.

Eines vorne weg: Die motorische Entwicklung ist sehr komplex und verläuft bei jedem Menschen nach einer speziellen Abfolge an Einzelschritten ab und diese Abfolge ist genetisch  festgelegt. Wenn man nun auf diesen natürlichen Prozess Einfluss nimmt, kann das richtig schädigende Auswirkungen haben (Babies hinzusetzen, Hände zum Gehen herhalten, etc). Man greift quasi, aus Unwissenheit oder eigener Ungeduld, in einen über tausenden von Jahren, perfektionierten Prozess ein und verhindert so die natürliche Entwicklung.

Babies müssen sich nicht drehen, sie müssen weder sitzen noch laufen „lernen“ – sie tun es, wenn sie selber soweit sind und nicht, wenn wir glauben, dass sie es zu tun haben!

Jedes Baby, nein, jedes Kind hat seinen eigenen (Entwicklungs) Rhythmus und ist dabei unterschiedlich schnell.

Durchleuchten wir die beliebten „Lauflernhilfen“ – Gehfrei und Türhopser

Natürlich wollen wir unserem Kind nur das Beste geben und bieten und dem schimpfenden, frustrierten Baby beim „Sitzen-, Stehen- und  Laufenlernen“ helfen. Schon alleine, weil unsere Nerven dabei ja auch strapaziert werden. Und ja: Gehfrei und Türhopser ermöglichen beides und zählen somit zu den Lauf- und Stehlernhilfen. Leider helfen wir damit dem Baby aber sowas von überhaupt nicht, eher behindern wir es sogar, weil diverse Entwicklungsschritte schlichtweg ausgelassen werden. Babies lernen bevor sie sich hinsetzen, das Drehen, dann den Vierfüßler und dann erst kommt der Sitz, in den sie alleine kommen sollten. Vor dem Laufen, lernen sie dann das Stehen, was meist sehr mühevoll erarbeitet werden muss. Das Gleichgewicht auf zwei Füßen zu finden ist nämlich eine irrsinnige Leistung. Das Baby fällt mehrfach hin, weil die Muskeln Schritt für Schritt aufgebaut werden müssen.

Mühevoll wird der Körper also auf das stabile Stehen vorbereitet. Die Babies sind dabei motiviert und freuen sich über jeden Fortschritt.

Im Gehfrei oder auch im Türhopser werden Kinder gesetzt (bzw „gehängt“ ), die oft noch nicht selbstständig sitzen können, geschweige denn Stehen und Gehen. Dem Gehirn vermittelt man so: “Schau, so ist es, aufrecht zu sein. Du musst nichts dafür tun!”

Irgendwann wundern sich aber die Babies, wie sie dahin gekommen sind und sind frustriert, dass sie nicht selbst dahin kommen und nicht so krabblen, wie die anderen Babies (oft sind das die ‚Porutscher’, die keine andere Fortbewegungslösung finden 😉 )

Aber zurück zu den sogenannten ‚Hilfen’: Jedes Baby hat evolutionsbedingte Greifreflexe, die sich erst langsam zurückbilden. Gerade der Fußgreifreflex verschwindet erst, wenn die Füße zunehmend mehr belastet werden. Berühren die Füße im Türhopser oder Gehfrei den Boden,  krümmen sie sich also noch unwillkürlich zusammen, vor allem weil sie dabei nicht mit dem gesamten Körpergewicht belastet werden. Häufig stehen die Babies nun auf den Zehenspitzen, bzw auf den zusammengekrümmten Zehen. Zudem verhindert  die Fixierung am Becken die Drehung zwischen Becken- und Schultergürtel.

Beim Türhopser kommt dann noch die Belastung durch das Hopsen hinzu. Das gesamte Gewicht des Kindes lastet (wie bei den „nach vorne gerichteten Tragen, mit zu schmalen Steg“) auf dem Schambein und damit bei Jungen auf den Hoden . Durch das Abspringen wird die Wirbelsäule immer wieder gestaucht, d.h.. die Gelenke werden überlastet, weil sie für so eine unnatürliche Bewegung noch nicht stabil genug sind.

Babies, die noch nicht laufen können, findet es aber natürlich irrsinnig spannend aufrecht positioniert zu werden und dann bewegen sie sich auch noch fort, indem sie lediglich kurz auf den Boden antippen. Sie genießen es, wenn man sie einfach hinsetzt, sind ruhiger und ausgeglichener. Natürlich nimmt man das als Eltern dankbar an. Das führt jedoch oft dazu, dass die Verweildauer in den Geräten deutlich länger ist, als überhaupt empfohlen.

Beachte aber:

Ein Kind wird immer nur so lange am Bauch liegen, sitzen oder stehen, wie es seine Entwicklung und Muskelstatus zulässt – es wird also immer instinktiv die Position wechseln, wenn es zu einseitig belastet ist, oder müde wird. Bei Gehfrei oder Türhopsern haben sie die Möglichkeit aber nicht, da sie fixiert sind.

Eine ganz typische Folge von Daueraufenthalten im „Gehfrei und Türhopsern“ sind also schwer behandelbare Spitzfüße, da dem Gehirn signalisiert wurde: “Ich stehe! So geht das!”

Oft ist die Wadenmuskulatur dabei übrigens zusätzlich verkürzt. Geht das Kind irgendwann einmal frei, wundern sich die Eltern, warum es nur auf Zehenspitzen geht. Studien zeigen übrigens einen signifikanten Zusammenhang zwischen „Gehfrei und Zehengang“.

In Kanada sind die Geräte schon längst verboten, seit 1997 versucht man sie auch hier vom Markt zunehmen, da sie neben den gesundheitlichen Folgen auch unglaublich gefährlich sind.    „Lauflernhilfen“ sind das größte Unfallrisiko eines Babies unter einem Jahr. Sie können eine Geschwindigkeit bis zu 10km/h erreichen, mit der Geschwindigkeit gegen Tischecken zu stoßen inkludiert Verletzungen unweigerlich. Pro Jahr gibt es ca 6000 (!) Unfälle damit. 83% der Unfälle sind Treppenstürze, oder Stürze weil der Laufwagen irgendwo hängen bleibt und das Baby ungebremst auf den Kopf fällt. Davon sind 11% Schädelverletzungen oder gar Brüche.

Und die Aussage: Mir hat der Gehfrei (etc.) auch nicht geschadet, lass ich nicht gelten (ich bin das Baby in den Gerätschaften 😉 ). Es wurde mittlerweile so viel darüber geforscht, Studien geschrieben und ausgewertet, die schlichtweg aufzeigen, dass sie schädigende Auswirkungen haben können.

Muss man es wirklich darauf ankommen lassen? Ich sage: Nein.

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